18.09. 06:13

Gratis-Eis und Haustürwahlkampf: Grünen-Chef im MV-Endspurt


ROSTOCK (dpa-AFX) - Erst schaut die ältere Frau an der Haustür perplex. Doch kaum hat sich Grünen-Chef Felix Banaszak vorgestellt, bricht sich Begeisterung Bahn. "Die Grünen sind perfekt!", verkündet sie. "Bei mir ist das schon gebongt und bei meinem großen Enkel auch." Lohnt sich das Klinkenputzen hier im gepflegten Rostocker Osten wirklich?

Lohnt sich das hier?

An den Haustüren wird Banaszak oft warm, manchmal distanziert, aber nie ernstlich unhöflich empfangen. Der Ortsteil Brinckmansdorf - verklinkerte Reihenhäuser, Vorgärten von akkurat getrimmt bis liebevoll verwildert, Obstbäume, die sich unter ihrer Last biegen - wirkt nicht wie ein Ort, an dem noch viele überzeugt werden müssten, grün zu wählen.

Doch, sagt Banaszak. "Das ist genau die Situation, für die man Haustürwahlkampf macht." Er hat gerade wieder eine Frau um die Zweitstimme gebeten, die über den Anteil der Parteien im Landtag entscheidet. Für die Grünen, die in Umfragen an der entscheidenden Fünf-Prozent-Hürde entlang schrammen, geht es sogar um den Einzug in den Landtag.

"Ich schau' mal, was ich machen kann", verspricht sie, und Banaszak zieht hochzufrieden von dannen. Wer einer Partei so gar nichts abgewinnen könne, werde auf den letzten Metern nicht mehr überzeugt. Aber die Zweifler oder die, die sich noch einen Schubs geben müssen, um wählen zu gehen, die könne man erreichen.

Komplizierte Rechnung für den Wähler

Die Rechnung, die die Grünen ihren potenziellen Wählern in Mecklenburg-Vorpommern präsentieren, geht so: Es geht nicht um das Duell zwischen SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und ihrem AfD-Herausforderer Leif-Erik Holm. Damit erstere genug Stimmen hat für eine stabile Regierung, brauche sie neben den Linken auch die Grünen.

Das stimmt nicht uneingeschränkt: Wenn weniger kleinere Parteien es in den Landtag schaffen, könnte es auch für eine Koalition aus SPD und Linken reichen - denn dann entfallen die verfügbaren Sitze auf weniger Parteien. Aber wer sich ein linkes Bündnis wünsche, der spiele auf Risiko, wenn er davon ausgehe, dass es etwa das BSW nicht in den Schweriner Landtag schafft, argumentieren die Grünen. Und so werben sie für sich nicht nur als Klimaschützer, sondern auch als Stabilitätsgarant.

Erstaunlich vielen Menschen, die ihm in Brinckmansdorf ihre Türe öffnen, muss Banaszak das gar nicht erklären. "Genau das haben wir uns auch schon überlegt", sagt ein Mann in mittleren Jahren.

Grüne sehen weniger Anfeindungen

Egal, wie es ausgeht, einen Teilsieg können die Grünen schon für sich verbuchen: Es gebe Ablehnung, klar, aber ihnen schlage weniger Hass entgegen, berichten viele Wahlkämpfer. Noch im Bundestagswahlkampf des vorletzten Winters oder im Kommunalwahlkampf 2024 sei das anders gewesen, erzählt die Rostocker Grünen-Chefin Ronja Thiede. "Da wurden Plakate kaputt gemacht, Aufsteller am Wahlkampfstand umgestoßen oder man wurde angepöbelt." Heute passiere so etwas viel seltener und wenn, dann schritten Passanten eher ein.

Woran das liegt, dazu gibt es in der Partei eine ganze Reihe von Erklärungen: die monatelange Debatte um das vom Grünen-Wirtschaftsminister Robert Habeck vorangetriebene Heizungsgesetz ist vorbei, man ist nicht mehr Teil der zerstrittenen Ampel-Regierung, Kanzler Friedrich Merz (CDU) hat Habeck als Reizfigur abgelöst, das aktuelle Führungspersonal ist weniger profiliert, polarisiert aber auch weniger, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) arbeitet sich nicht mehr so an den Grünen ab.

Es fehlt das Personal

Doch der schönste Wahlkampf in freundlicherer Atmosphäre löst auf Dauer keine Strukturprobleme. Den Grünen im Osten fehlt es schlicht an Personal. Das Problem ist erkannt: Seit rund einem Jahr arbeitet die Partei an der inneren Wiedervereinigung, veranstaltet Ostkongresse, vernetzt Mitglieder in Ost und West. Im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern halfen und helfen viele Parteifreunde aus anderen Bundesländern aus. Auch danach soll es weitergehen, mit Büros auch von West-Grünen vor Ort oder mit Partnerschaften von Kreisverbänden quer durchs Land.

Beim Wahlkampfhöhepunkt in der Rostocker Innenstadt (Eis, Pommes und Getränke umsonst) steht der Bundestagsabgeordnete Till Steffen in der Menge vor der Bühne, auf der gerade der Publizist Michel Friedman ein paar gute Worte für die Partei einlegt. Steffen sagt, die aktuelle Lage schärfe den Blick. "Die Zeit im Kontakt vor Ort - sowohl im Wahlkreis als auch bei Wahlkampfunterstützung in Mecklenburg-Vorpommern - bringt mehr als noch eine interne Runde oder ein Abend mit Verbänden in Berlin."

Grüne-Jugend-Chefin Henriette Held sieht das genauso: "Die Grünen sind in großen Teilen noch eine sehr weiße, akademische und städtische Partei, die viel intern debattiert. Oft könnten und sollten wir jedoch genau diese Ressourcen, die in interne Sitzungen fließen, nutzen, um auf der Straße unterwegs zu sein." Da gehe noch mehr, glaubt sie.

Strategie: unter die Leute gehen

In den aktuellen Wahlkämpfen setzt die Partei stärker auf persönliche Begegnungen als große Bühnen. Die gerade im Osten des Landes vielen so fremden Grünen sollen ein menschliches Gesicht bekommen und damit auch ihre Inhalte wie Klimaschutz, Meeresschutz und Energiewende Gehör finden.

Natürlich interessierten die Menschen sich für Inhalte, sagt Banaszak. "Aber es geht am Ende weniger um die Detailkonzepte als um das Vertrauen, das die Menschen spenden können. Und dafür ist eine persönliche Begegnung im Zweifel wichtiger als ein langer Text, den sich sowieso zu wenig Menschen durchlesen." Vielleicht müsse man die Prioritäten da noch etwas verschieben, sagt er./hrz/DP/zb